42 Jahre Warten

Im August 2021 bin ich 60 Jahre alt geworden und wie es mit einem 60.jährigen Leben so ist, habe ich viel erlebt, bin viele Wege gegangen, an manchen Abzweigungen habe ich gezögert, manche Wege waren steinig und unendlich lang, andere waren friedvoll, nahezu langweilig, so als würde das Leben anhalten. Es gab fröhliche und ausgelassene Zeiten, traurige und sogar schmerzvolle Abschnitte. Zeiten in denen ich loslassen musste; aber auch Zeit in denen mir das Leben Geschenke machte.

Mit 18 war ich bereits das zweite Mal schwanger und mit 19 traf ich wohl eine der wichtigsten Entscheidung meines Lebens. Ich ging alleine nach Berlin und ich fand ein Zuhause. Noch heute empfinde ich es als ein Privileg hier in dieser großen Stadt leben zu dürfen. Berlin ist für mich mein Hafen, in dem man ankern kann, in der ich gerne bin.

In den letzten Jahren war ich viel und häufig unterwegs und so gerne ich mir die Welt ansehe, fremde Menschen kennenlerne, neue Orte erkunde, viel lieber aber komme ich nach Hause zurück…nach Berlin. Manchmal schon 600 km davor fand ich Hinweisschilder mit dem Namen von Berlin. Sie stehen überall in Deutschland, ja sogar überall in Europa, habe ich mir sagen lassen und jedes Mal bin ich stolz ein Teil dieser Stadt zu sein. Ja ich sehe fast ehrwürdig auf diese Schilder und in meinem Kopf laufen Bilder ab, ab diesem Tag im Sommer 1981, als ich zum ersten Mal über Dreilinden nach Berlin Steglitz rein fuhr. Hier beendete ich meine Ausbildung! Hier war ich weit weg von meiner kontrollierenden Mutter. Hier war ich zum ersten mal so richtig frei, in dieser Stadt, die eine Mauer um sich hatte, aber genau diese Mauer gab mir Schutz, damit ich meine Freiheit leben konnte.

Dann fiel sie im November 1989 und ich stand am Wegesrand im Wedding und weinte. Nicht aus Rührung, das die Menschen aus der DDR raus konnten, sondern weil mir klar war, dass nun meine persönliche Freiheit durch den Schutz der Mauer zu Ende war. Und so kam es.

Die Mauer wurde am 13.08.1961 gebaut. Ich wurde am 17.08.1961 geboren. Ich war 28 Jahre alt, als sie fiel! 9 Jahre lang gab sie mir Schutz und dafür bin ich sehr dankbar, denn in diesen 9 Jahre konnte ich heranreifen und fand Wege für mich meine eigenen Wege gehen zu können und Manipulationen frühzeitig erkennen zu können.

Noch heute denke ich an die Zeit nach der Mauer, die Stunde Null in Berlin. Nichts war wirklich geregelt. Es herrschte eine Goldgräberstimmung in dieser Stadt, vielleicht sogar in ganz Deutschland, aber in Berlin besonders und es dauerte fast ein Jahrzehnt, bis sich alles etwas beruhigt hatte…das glaube ich zumindest, wenn ich so auf die Vergangenheit von Berlin schaue, die ja auch mit meiner Vergangenheit verflochten ist. Ja es gab eine Zeit, da musste ich gehen. Was jedoch blieb, war unendliches Heimweh…bis heute ist das so, selbst wenn ich nur die Avus runterfahre, um zum Wannsee zu fahren.

Wer jetzt glaubt ich bin aus der der DDR, der irrt. Ich bin ein waschechter Wessi und werde es immer bleiben, und ich bin stolz darauf von 1981-1989 ein Teil der Westberliner Bewohner gewesen zu sein, die stur und ohne Vorbehalte, ja nahezu mit Euphorie Westberlin mit ihrer Anwesenheit am Leben gehalten haben, mitten in einem fremden Land die Fahne hochgehalten zu haben, um diese Enklave von Deutschland nicht untergehen zu lassen. 28 Jahre lang waren es Westberliner, die ausgehalten haben…und bei Gott, wir hatten sehr viel Spaß daran…im kalten Krieg an der Front zu stehen!

Ich habe also einen Großteil meines Lebens in Berlin gelebt. Und obwohl ich Berlin über alle Maßen liebe, hatte ich immer auch den Traum mal nach Italien zu fahren. Irgendwie hatte es sich nie ergeben. Immer war irgendwas wichtiger und wenn ich ganz ehrlich bin, Fernweh hatte ich nie! Ich mag die Sprache Italiens. Für meine Ohren klingt sie wie schöne Balladen. In Berlin lebten viel Italiener und immer schaute ich mit Wehmut auf ihre Reisen, wenn sie im Herbst, nach einer langen gastronomischen Saison wieder nach Italien zurückkehrten. Aber ebenso freute ich mich auf den Tag im Frühjahr, wenn sie wieder zurück nach Berlin kamen.

Inzwischen sind 42 Jahre vergangen, ich bin 60. geworden und ich denke es wird Zeit, diese Reise nach Italien anzutreten. Wenn nicht jetzt, wann dann. Es sprechen einige Dinge dagegen, wieder einmal, aber diesmal werden mich auch die besten Argumente nicht zurückhalten können. Ich bin wild entschlossen mir den Gardasee anzusehen. An seinen Ufern zu stehen und Sonnenauf- und Untergänge in mich aufzusaugen. Ich will an vielen Küchentüren klopfen und die regionale Küchen schmecken. Im Klang der italienischen Sprache, die ich nicht verstehe, eintauchen und denken, wie schön es doch ist, sie zu hören. Ich will mit Ehrfurcht über italienischen Boden laufen, wohlwissend, das es nicht selbstverständlich ist, wenn man so lange darauf gewartet hat, es tun zu können und ich möchte eine Handvoll Erde vom Gardasee mit nach Hause nehmen um später dann von Zeit zu Zeit meine Nase reinstecken zu können und die Sonne, das Wasser, das Licht, die Sonnenaufgänge, die Sonnenuntergänge und das regionale Essen aus meiner Erinnerung hervorholen zu können, gerade so , als wäre ich noch dort.