19 Sep, 2021

Wer bin ich?

…manchmal weiß ich es selbst nicht so richtig!

Was wahrscheinlich daran liegt, dass mir nie jemand gesagt hat, wer ich bin. Meine Herkunft ist fragwürdig; fest steht ich bin ein Besatzungskind. Meine Mutter machte mich bis zu meinem 42. Lebenjahr für ihr Leid verantwortlich, dann habe ich diese Beziehung Mutter/Kind sehr freundlich beendet. Nach 18 Jahren Schweigen ist meine Mutter am 8.3.2020 im Alter von 92 Jahren gestorben. Obwohl ich sie unentwegt vermisst habe, empfand ich nicht einmal Trauer als ich es aus Facebook erfahren habe. Ich warte immer noch darauf, das ich irgendwie ergriffen bin.

Fangen wir mit den Fakten an. In meiner Geburtsurkunde steht, dass ich am 17.08.1961 in Mittelhessen geboren wurde. Solange meine Oma mütterlicherseits lebte, hatte ich eine glückliche Kindheit. Nach deren Tod 1973 war ich den Attacken meiner Mutter hilflos ausgesetzt, aber da ich es nicht anders kannte, habe ich mich auch nie darüber beschwert. Dann aber, im Alter von 42 Jahren, sagte meine Mutter mir einen Satz, den sie schon einmal losgelassen hatte, als ich 12 Jahre alt war. Er lautete:“Für mich hast du keine Lebensberechtigung!“ Mit 12 habe ich ihn nicht verstanden. Mit 42 Jahren schon und ich zog die Konsequenz daraus und beendete das Drama, welches mir dann auch erst in voller Bandbreite bewusst wurde.

Meine ersten beiden Kinder bekam ich mit 17 und 19 Jahren. Zehn Jahre später folgten Kind 3 und 4 und weitere 6 Jahre später kam mein Nesthäkchen zur Welt. Zwischen dem 1. und der 5. Kind liegen also 20 Jahre. Kein Wunder das ich nie in Urlaub an den Gardasee fahren konnte, denn die Kinder kommen ja nicht auf die Welt und gehen kurze Zeit später aus dem Haus. Zwischen 1979 und 2014 habe ich also meine Kinder großgezogen. Ginge es nach der Rentenversicherung, respektive nach dem Gesetz der Erwerbsminderungsrente, habe ich nur geringfügige Lebensleistungen erbracht, die man in Punkte umrechnen kann. Die Wahrheit sieht jedoch etwas anders aus und ich selbst glaube, das ich sehr wohl eine Lebensleistung erbracht habe, die mir jedoch nicht angerechnet wird….jetzt wo ich alt und krank bin, weil über 32 Jahre lang habe ich auch immer selbstständig gearbeitet. Selbst & ständig, anders wäre es auch gar nicht gegangen mit Kindern im Haus und Vätern, die zum größten Teil ihrer Verpflichtungen nicht nachgekommen sind.

Egal…machen wir mal einen großen Satz in die Gegenwart. Die Kinder sind aus dem Haus, mein Einkaufswagen bei Lidl, Netto, Aldi wurde auch entlastet und nach anfänglichen Problemen, vor allem mit mir selbst, habe ich tatsächlichen für mich einen Weg gefunden, auf dem ich nicht vor Langeweile in Trübsal verfallen. Ich musste, so alleine und von allen Kindern verlassen (smile), neue Horizonte suchen und was soll ich euch sagen, ich habe sie gefunden und sie machen sogar Spaß!

Natürlich spielt bei all dem meine gesundheitliche Situation eine wesentlich Rolle. Kurze Auflistung:

COPD und ja ich rauche noch und werde auch nicht damit aufhören, denn meiner Meinung nach ist aufhören dämlicher als weiterrauchen, zumal das Kind ja bereits in den Brunnen gefallen ist und warum soll ich mich nun auch noch durch einen Entzug quälen, wenn es auch anders geht!

Konstante Sauerstoffsättigung von zwischen 85-87%, Sauerstoffunterversorgung der Muskeln und ich habe habe gelernt … man höre und staune … mein Herz ist auch nur ein Muskel und seit gut einem 3/4 Jahr beginnt es auch schon mal zu stolpern!

Diabetes Typ 2 und … und … und

Ich schreib den Mist meiner Krankheiten nicht gerne. Eigentlich ist es ja auch egal, welche Krankheiten nun genau mich zur Strecke bringen. Im Grunde genommen habe ich mein Leben gelebt und auch wenn ich heute um einiges klüger bin, ich würde es genauso und nicht anders wieder machen … weil auch viel Freude dabei war!

Da ich auch keinen kenne, der das Leben jemals überlebt hat, denke das sogar Jesus selbst gescheitet ist, ist es für mich keine Option nun mit aller Gewalt am Leben zu bleiben. Für mich ist es wichtig, dass ich solange ich noch irgendwie krauchen kann, mein Leben mit sinnvollen Aktivitäten fülle. Und mir meinen Traum zu erfüllen und zum Gardasee zu gehen/fahren/reiten ist für mich eine sinnvolle Aktivität, weil ……. die Vorbereitungen und auch die Vorfreude während der Vorbereitungen etwas Bejahrendes hat.

19 Sep, 2021

Ich glaube ein Pferd sucht mich schon…

…weil es mich für seinen passenden Menschen hält!

Es wird mich finden!

Wenn ich mal genau in meine Vergangenheit schaue, war es oft so, dass mich Hunde und Pferde immer gefunden habe und ich genau mit diesen Tieren einen langen gemeinsamen Weg gehen durfte.

Zum ersten mal war das so mit Tommy, ein Foxterrier. Ich war 6 oder 7 Jahre alt und wünschte mir einen Hund. Meine Mutter war dagegen, aber dann kam unser Tierarzt und brachte Tommy, den er aus einem verkommenen Haushalt geholt hatte. Tommy war von oben bis unten von einer dicken Kruste bedeckt und als wir diese Kruste mit warmen Wasser endlich gelöst bekamen und sie Stück für Stück auf den Fußboden legten, liefen die Krusten los. Als wir sie umdrehten, sahen wir nur Beine, von Flöhen, Läusen, was weiß ich, was alles noch da lebte.

Als Thommy gänzlich befreit war von seiner Plage, schlief er eine Woche lang, nahezu ununterbrochen. Es dauerte Monate, bis er wieder Fell hatte. Tommy war mein erster eigener Hund und er begleitete mich überall hin. Ich wuchs in einem Dorf in Mittelhessen auf und meine 1. Schule war eine Dorfschule mit einer sehr großen Eiche im Schulhof. Dort saß Tommy immer und wartete bis die Glocke läutete und wir Schulende hatten. Ich glaube Tommy hatte nicht mal eine Leine. Das feste Band zwischen uns reichte aus. Wir wurden zusammen verschüttet, als wir uns eine Höhle bauen wollten im nahen Wald und weder Tommy noch ich an Stützbalken dachten.

Auf ihn war immer Verlass, wenn ich auf der Obstwiese der Gemeinde Obst klauen wollte und er frühzeitig durch leises Knurren signalisierte, das der Dorfbürgermeister auf dem Weg war.

Er saß mit mir stundenlang auf der obersten Stufe derTreppe, die zum Keller hinab führte, wenn meine Mutter uns mal wieder bestrafen wollte. Es war ein Naturkeller und unten sah ich immer die Mäuse von einer Ecke in die andere huschen. Es roch immer etwas moderig, da auf der obersten Stufe der Kellertreppe und ich glaube fest daran, dass Tommy meine Angst spüren konnte, denn immer dann drückte er sich fester an mich und signalisierte mir, ich bin da! Tommy und ich hatten keine sehr lange Zeit zusammen, aber er war für mich mehr als nur ein Hund, er mein mein bester Freund!

Nach Tommy gab es noch ein paar Tiere, die mich auf komischen Wegen gefunden haben. Ich denke da an Bankart, ein Schäferhund-Mischling. Er wurde bei uns am 1.Weihnachtsfeiertag im Wohnzimmer geboren und mein damaliger Freund, späterer Mann, trat aus Versehen auf sein Bein, so dass es gebrochen war. Ich trug ihn über Wochen in einer Babytrage mit mir rum und er wurde ein richtig Guter, nachdem ich mir viel Mühe gegeben hatte, um ihn zu bändigen. Ein sehr charakterstarker Hund, der ab seiner Geburt 16 Jahre lang jeden Weg, im Auto, per Pferd oder auch zu Fuß, mit mir gegangen ist. Bankart war ein Freigeist und bis zum Schluss auch gerne mal alleine unterwegs. Er fand immer seinen Weg zu mir zurück!

Und dann war da Amigo, ein dreifarbiges Hengstfohlen, den keiner haben wollte, weil er ein Sohn von El Paso war, der zu der Zeit von Amigos Geburt schon nicht mehr händelbar war. Alle Söhne von El Paso wurden deshalb frühzeitig zu Wallachen gemacht. Ich fand Amigo irgendwie alleine auf der Weide rumstehen und nahm ihn mit nach Hause. Auf der Indian Heart Ranch wuchs er groß. Eingetragen wurde er als El Amigo H. H stand für Heidelore oder Heart. Ich ließ in kören und auch seine Hengstprüfung bestand er. Er wurde ein Stempelhengst. Ich habe ihn selbst angeritten und er wurde sehr gut von mir erzogen. Highlight mit ihm war eine Hengstpräsentation zusammen mit seinem Sohn „Jesse James“ nach dem Song von Cher „Just like Jesse James“

Aber auch Lona fand mich, meine Stute, auch sie wollte niemand, bzw. bei Ihr war es eigentlich eher so, das Lona niemanden wollte. Eine Paint Horse Stute mit Hancock Abstammung, sehr hengstig! Sie lehrte mich Westernreiten! Mit ihr lernte ich das Gefühl der Freiheit auf einem Pferderücken kennen. Sie schenkte mir ihr Vertrauen; das Größte was sie mir geben konnte und ich liebte sie dafür und experimentierte nie an ihr rum. Westernreiten nach Schulbuch gab es mit ihr nicht. Ich ließ sie immer gewähren, weil ich wusste, sie bringt mich heil nach Hause zurück!

So fand mich auch Yankey aber vor allem auch Boris, beides weiße Schäferhunde. Boris geht nun schon sehr lange neben mir. Inzwischen ist er 12 Jahre alt, hört nicht mehr richtig, sieht nicht mehr alles, aber seine Nase funktioniert noch. Er ist der beste weiße Schäferhund, den ich je hatte. Ein Hund, der in sich ruht, auf den ich mich immer verlassen konnte, ähnlich wie damals auf Tommy & Bankart, denen es immer völlig wurscht war, wohin wir gingen, Hauptsache ich war in ihrer Nähe. Boris Herz schlägt glaub ich nur für mich. Er kam auf diese Welt, um mein Freund zu sein, mich zu trösten, wenn meine Seele mal wieder schrie, mit mir zu toben, wenn ich glückliche Momente hatte. Mit mir ins Wasser zu springen, obwohl er nichts mehr hasst wie Wasser…Boris hat für mich viele Male seine eigenen Grenzen überschritten. Jetzt ist er alt und ich bin dankbar für jeden Tag, den er bei mir ist. Ich weiß das es nicht mehr viele sein werden und obwohl er kuscheln ebenso hasst wie Wasser, gibt er mir auch jetzt noch diese Zeit, weil er spürt, dass ich Abschied nehmen muss!

Wenn je ein Hund meine Seele berührt hat, dann war es Boris!

Und weil ich all diese Zeiten mit wunderbaren Tiere verbringen durfte, die mich gefunden haben, weil wir zusammen etwas füreinander tun konnten, glaube ich auch jetzt, dass es bereits ein Pferd gibt, welches mich sucht. Es wird mich finden, zu genau dem richtigen Zeitpunkt, um mich zum Gardasee zu tragen. Ich mach mir keine Sorgen, weil es jetzt noch nicht da ist. Es wird kommen und wir werden eine tolle Zeit, über die Reise hinaus haben. Und wenn es mich nicht bis zur Abreise finden sollte, dann ist einfach noch nicht die Zeit dafür da; dann muss ich wohl warten, bis es mich gefunden hat und bis es soweit ist, muss ich zusehen, dass ich fit genug bleibe, um dann die Reise mit ihm machen zu können.

Der Hund, der mich auf meinem Weg zum Gardasee begleiten wird, heißt Chewie! Er ist der Sohn von Yohda, den meine Tochter bei mir vergessen hat. Chewie wurde am 17.01.2021 geboren. Ich habe ihn selbst auf dieser Welt in Empfang genommen, ihn auf meine Brust gelegt und ihm gesagt, dass sein Leben eng mit meinem verknüpft ist. Mit 8 Wochen habe ich ihn dann endgültig zu mir geholt und aus dem niedlichen Welpen wurde …. ein Dackel mit zwei sehr sehr krummen Beinen.

Chewie ist nicht wirklich hübsch, aber ein Hund genau nach meinem Geschmack. Er ist selbstbewusst, absolut solidarisch, fresch, manchmal sogar dreist, völlig angstfrei, neugierig und vor allem erkennt er mich, trotz Dackelcharakter, als seinen Oberhäuptling an. Sein Vertrauen, auch jetzt schon, mir gegenüber ist grenzenlos und dennoch ist er ein selbstdenkendes Wesen, was mich in den vergangenen 8 Monaten mehr als einmal zum Erstaunen gebracht hat, mehr noch…zum lächeln, und zum weinen verleitet hat. Mit ihm kam ein Stückchen Zukunft in mein Leben zurück, die ich in den Monaten zuvor irgendwie verloren hatte.

Eigentlich sind kleine Welpen Tag und Nacht aktiv, Chewie aber schläft, wenn ich schlafe, arbeitet mit mir, meist starrt er dann unentwegt auf den Bildschirm meines PCs, verfolgt die Maus auf dem Desktop und manchmal, wenn ich Mal wieder mit mir selbst spreche, schaut er mich fragend an und ich glaube zu wissen, das er mich irgendwie durchschaut. Alle seine Entscheidungen trifft er selbstständig und alleine und tatsächlich gab es nur ganz wenige Momente in den letzten 7 Monaten, in denen ich an Chewie gezweifelt habe.

So schwer es mir auch fällt Boris gehen zu lassen, es gibt einen würdigen Nachfolger und Chewie wird mir helfen Boris Verlust mit Würde zu tragen!

19 Sep, 2021

650 km bis zum Gardasee

Boah wenn ich die Zahl 650 so sehe, wird mir echt etwas gruselig. 650 km sind schon ziemlich weit. Naja ich werde die 650 km in 42 Tagen reiten, sprich also 1,5 Monaten; auch ganz schon lang, aber machbar. Das sind roundabout 15 km am Tag. Tja wenn man so auf den kleinesten Nenner runterbricht, scheint es so gar nicht mehr bedrohlich. Ach Quatsch, es ist überhaupt nicht bedrohlich, oder gar gefährlich, behaupte zumindest ich. Meine Ärzte sind da anderer Meinung, denn ich muss definitiv über die Alpen, also wenn ich es tatsächlich schaffe, dürft ihr alle hinterher Hannibalin zu mir sagen. Ich werde also mehrere Tage in der Höhe von mindestens 2500 üNN sein. Ob das meiner ohnehin desolaten Sauerstoffsättigung so gut tut, kann ich jetzt nicht sagen, aber wenn ich es nicht versuche, werde ich es nicht rausfinden können. Ich bin zuversichtlich, weil ich immer positiv denke und dieser Weg zum Gardasee ist eigentlich nur positiv, weil ich mir damit einen Traum erfülle.

Eigentlich wollte ich mit einem T4 Bulli zum Gardasee, aber irgendwie habe ich in den letzten Jahren zu diesem Thema immer die falschen Entscheidungen getroffen. Nun wurde „Hugo“ mein Bulli nach Hildesheim verkauft, die Hoffnung ihn zurück zu bekommen ist auch gestorben, was blieb ist meine Sehnsucht nach Italien.

Also nicht mehr mit dem Auto! Über Wochen hinweg rückte Italien immer weiter von mir weg. Irgendwie sah ich keinen Ausweg und als Italien fast gänzlich im Nebel zu verschwinden drohte und damit auch ein Stück meiner Zukunft, als mich Zukunftsängste packen wollten, da kam mir der rettende Gedanke: „Wenn nicht mit Hugo, dass eben mit einem Pferd!“

Dieser Gedanke war vom ersten Augenblick so konkret, dass ich nicht einmal realisierte, das ich kein Pferd hatte!

Es gibt Momente in meinem Leben, da hab ich so bekloppte Ideen, das ich es teils selbst nicht glauben kann, dass ich genau das gerade denke.

Vielleicht sollte ich genau an dieser Stelle nun berichten, dass mein aktueller gesundheitlicher Zustand …………na sagen wir nicht gerade zu sportlichen Hochleistungen, wie z.B. einen Ritt über die Alpen, geeignet ist…..man könnte auch sagen, wenn man nicht mehr als 200m zu Fuß schafft…..sollte man besser die Beine und die Kraft eines Pferdes nutzen, um sich fortzubewegen….smile….oder?

Und genau, das werde ich tun! Ich werde die Kraft, Energie und die Beweglichkeit eines Pferdes nutzen, um diesen Weg zu bewältigen.

Es ist nur ein Weg von A nach B, sprich von Pullman City Bayern, Eging am See bis zum Gardasee. Ok ich teile die Bedenken meiner Kritiker, es liegen die Alpen dazwischen, ABER …es ist und bleibt nur ein Weg!

Um diesen Weg bewältigen zu können, brauche ich Hilfe, alleine schaffe ich es nicht und wieder vertraue ich auf Menschen, die Pferde mögen, die Abenteuer toll finden, die meinen Mut bewundern, die sich Zeit für mich nehmen und mich ein Stück des Weges begleiten, mir eine Unterkunft geben, auf meinem Weg, die sich freuen mich kennenzulernen, die ich kennenlernen darf, ja die mich förmlich zum Gardasee tragen, mit ihrer Motivation, ihren Glauben, das man auch das Unmöglichste schaffen kann, wenn man es zusammen tut.

Ich glaube ganz fest daran, dass es genügend Menschen gibt,

die mir helfen werden, diesen Weg gehen zu können!

Winni 19.09.2021
19 Sep, 2021

42 Jahre Warten

Im August 2021 bin ich 60 Jahre alt geworden und wie es mit einem 60.jährigen Leben so ist, habe ich viel erlebt, bin viele Wege gegangen, an manchen Abzweigungen habe ich gezögert, manche Wege waren steinig und unendlich lang, andere waren friedvoll, nahezu langweilig, so als würde das Leben anhalten. Es gab fröhliche und ausgelassene Zeiten, traurige und sogar schmerzvolle Abschnitte. Zeiten in denen ich loslassen musste; aber auch Zeit in denen mir das Leben Geschenke machte.

Mit 18 war ich bereits das zweite Mal schwanger und mit 19 traf ich wohl eine der wichtigsten Entscheidung meines Lebens. Ich ging alleine nach Berlin und ich fand ein Zuhause. Noch heute empfinde ich es als ein Privileg hier in dieser großen Stadt leben zu dürfen. Berlin ist für mich mein Hafen, in dem man ankern kann, in der ich gerne bin.

In den letzten Jahren war ich viel und häufig unterwegs und so gerne ich mir die Welt ansehe, fremde Menschen kennenlerne, neue Orte erkunde, viel lieber aber komme ich nach Hause zurück…nach Berlin. Manchmal schon 600 km davor fand ich Hinweisschilder mit dem Namen von Berlin. Sie stehen überall in Deutschland, ja sogar überall in Europa, habe ich mir sagen lassen und jedes Mal bin ich stolz ein Teil dieser Stadt zu sein. Ja ich sehe fast ehrwürdig auf diese Schilder und in meinem Kopf laufen Bilder ab, ab diesem Tag im Sommer 1981, als ich zum ersten Mal über Dreilinden nach Berlin Steglitz rein fuhr. Hier beendete ich meine Ausbildung! Hier war ich weit weg von meiner kontrollierenden Mutter. Hier war ich zum ersten mal so richtig frei, in dieser Stadt, die eine Mauer um sich hatte, aber genau diese Mauer gab mir Schutz, damit ich meine Freiheit leben konnte.

Dann fiel sie im November 1989 und ich stand am Wegesrand im Wedding und weinte. Nicht aus Rührung, das die Menschen aus der DDR raus konnten, sondern weil mir klar war, dass nun meine persönliche Freiheit durch den Schutz der Mauer zu Ende war. Und so kam es.

Die Mauer wurde am 13.08.1961 gebaut. Ich wurde am 17.08.1961 geboren. Ich war 28 Jahre alt, als sie fiel! 9 Jahre lang gab sie mir Schutz und dafür bin ich sehr dankbar, denn in diesen 9 Jahre konnte ich heranreifen und fand Wege für mich meine eigenen Wege gehen zu können und Manipulationen frühzeitig erkennen zu können.

Noch heute denke ich an die Zeit nach der Mauer, die Stunde Null in Berlin. Nichts war wirklich geregelt. Es herrschte eine Goldgräberstimmung in dieser Stadt, vielleicht sogar in ganz Deutschland, aber in Berlin besonders und es dauerte fast ein Jahrzehnt, bis sich alles etwas beruhigt hatte…das glaube ich zumindest, wenn ich so auf die Vergangenheit von Berlin schaue, die ja auch mit meiner Vergangenheit verflochten ist. Ja es gab eine Zeit, da musste ich gehen. Was jedoch blieb, war unendliches Heimweh…bis heute ist das so, selbst wenn ich nur die Avus runterfahre, um zum Wannsee zu fahren.

Wer jetzt glaubt ich bin aus der der DDR, der irrt. Ich bin ein waschechter Wessi und werde es immer bleiben, und ich bin stolz darauf von 1981-1989 ein Teil der Westberliner Bewohner gewesen zu sein, die stur und ohne Vorbehalte, ja nahezu mit Euphorie Westberlin mit ihrer Anwesenheit am Leben gehalten haben, mitten in einem fremden Land die Fahne hochgehalten zu haben, um diese Enklave von Deutschland nicht untergehen zu lassen. 28 Jahre lang waren es Westberliner, die ausgehalten haben…und bei Gott, wir hatten sehr viel Spaß daran…im kalten Krieg an der Front zu stehen!

Ich habe also einen Großteil meines Lebens in Berlin gelebt. Und obwohl ich Berlin über alle Maßen liebe, hatte ich immer auch den Traum mal nach Italien zu fahren. Irgendwie hatte es sich nie ergeben. Immer war irgendwas wichtiger und wenn ich ganz ehrlich bin, Fernweh hatte ich nie! Ich mag die Sprache Italiens. Für meine Ohren klingt sie wie schöne Balladen. In Berlin lebten viel Italiener und immer schaute ich mit Wehmut auf ihre Reisen, wenn sie im Herbst, nach einer langen gastronomischen Saison wieder nach Italien zurückkehrten. Aber ebenso freute ich mich auf den Tag im Frühjahr, wenn sie wieder zurück nach Berlin kamen.

Inzwischen sind 42 Jahre vergangen, ich bin 60. geworden und ich denke es wird Zeit, diese Reise nach Italien anzutreten. Wenn nicht jetzt, wann dann. Es sprechen einige Dinge dagegen, wieder einmal, aber diesmal werden mich auch die besten Argumente nicht zurückhalten können. Ich bin wild entschlossen mir den Gardasee anzusehen. An seinen Ufern zu stehen und Sonnenauf- und Untergänge in mich aufzusaugen. Ich will an vielen Küchentüren klopfen und die regionale Küchen schmecken. Im Klang der italienischen Sprache, die ich nicht verstehe, eintauchen und denken, wie schön es doch ist, sie zu hören. Ich will mit Ehrfurcht über italienischen Boden laufen, wohlwissend, das es nicht selbstverständlich ist, wenn man so lange darauf gewartet hat, es tun zu können und ich möchte eine Handvoll Erde vom Gardasee mit nach Hause nehmen um später dann von Zeit zu Zeit meine Nase reinstecken zu können und die Sonne, das Wasser, das Licht, die Sonnenaufgänge, die Sonnenuntergänge und das regionale Essen aus meiner Erinnerung hervorholen zu können, gerade so , als wäre ich noch dort.